An Ignorants Guide to Wrestling

Warum auch du aufhören solltest, Wrestling doof zu finden.

Ein Vorwort

Moin,

Ich versuche mich mal an etwas Neuem. In diesem neuen „Blog“ soll es – erst einmal – um etwas gehen, was bei mir so etwas wie ein „guilty pleasure“ ist: Wrestling. Uff. Ich bin der erste, der diese neue Idee von rldml ausprobiert, und dann bei einem solchen Nischenthema?

Nun, die Wrestling-Gemeinschaft in Deutschland ist größer, als man gemeinhin denkt. Viele heutige große Stars, die aus Europa in die USA zur World Wrestling Entertainment (WWE), der größten Wrestling-Firma der Welt gegangen sind, haben teilweise sogar ihre Wurzeln in deutschen Wrestling-Ringen. Selbst wenn das Interesse hier nicht so groß sein sollte, und Wrestling-Fans (die das in der Öffentlichkeit auch zugeben würden!) eher rar gesät sind, möchte ich einfach mal die Chance nutzen, über etwas zu schreiben, dass nicht mit Politik zu tun hat. Demzufolge werde ich mir selbst auferlegen, die üblichen Reizthemen – soweit es geht – zu vermeiden und stattdessen über etwas schreiben, dass bei mir für viel mehr Passion sorgt als es eigentlich das Recht hätte zu dürfen. Und ich werde mir die Aufgabe auferlegen, euch davon zu überzeugen, Wrestling vielleicht auch eine Chance zu geben. Ob mir das gelingt? Wir werden sehen…

Aber: Bevor ich anfange, über die laufenden Shows zu sinnieren, mich über Entscheidungen der WWE aufzuregen oder euch zu erklären, warum gerade jetzt der beste Zeitpunkt ist, mit Wrestling zu starten und sich darauf einzulassen, muss ich ein paar Grundzüge erklären, damit ihr mir folgen könnt. Also schnallt euch an, es geht in die absolut wilde, verrückte und manchmal nicht erklärbare Welt des professionellen Wrestlings.

An Ignorants Guide to Wrestling - oder: “Du weißt schon, dass das Fake ist, oder?“

Einer der bekanntesten, verbreiteten und vor allem Augenrolleninduzierenden Bemerkung ist die Folgende, meist in der Variation mit der Infragestellung der Intelligenz des Wrestlingfans: „Wieso guckst du das, das ist doch Fake!?“. Diese Frage irritiert mich.
Rennt der Protagonist dieser Aussage auch in den nächstbesten Kinosaal, brüllt die Leinwand an und schreit: „Das ist alles gar nicht echt, James Bond gibt’s gar nicht! Es gibt gar keine Lizenz zum Töten!“. Er sitzt auch nicht zuhause vor „Game of Thrones“ und denkt: „Ey, das ist ja Fake, in echt gibt es gar keine Drachen!“

Auf die Frage, ob Wrestling „fake“ ist, gibt es nur eine eindeutige Antwort: Jein. Sind die Ergebnisse der Kämpfe abgesprochen? Ja. Folgen die Ereignisse, Siege und Verluste in einem Kampf einer übergeordneten Geschichte, und messen sich nicht nach tatsächlich realistischen Kampfbedingungen? Ja. Aber ist die sportliche Betätigung „fake“, sind die teilweise atemberaubenden „Stunts“ fake, die Verletzungen, die Gefährlichkeit dieses Sports? Nein. Diese sind sehr real. Die erste Fehleinschätzung, die ein Wrestling-Ignorant trifft, ist die der Weichheit der Matte. Na, da müssen sicherlich abfangende Mechanismen sein, eine Menge an Decken und vielleicht sogar Sprungfedern? Und in der Tat, schaut man einem solchen Kampf zu, mag man den Eindruck bekommen, Landungen nach einem Wurf aus 1,50 Meter auf den Ringboden müssen irgendwie „abgeschirmt“ sein. Sie sind es nicht.

Der Boden eines Wrestling-Ringes besteht aus mehreren über Kreuz gelegten Holzstangen, über die einige Lagen an Stoff gelegt werden. Die Holz-Konstruktion verteilt die Last auf den gesamten Ring und mildert so den Aufprall. Aber keine Sprungfedern, keine meterdicken Decken. Sich auf den Boden fallen lassen oder geworfen werden, tut weh. Sehr. Die Seile sind keine Gummibänder, sondern normales dickes (Schiffs-)tau, das mit etwas Spiel in den Ringecken befestigt ist und somit ein wenig „Schwung“ bietet.

Auch wenn es oft so aussieht: Dieser Ring hat keinen doppelten Boden, keine Sprungfedern, keine weiche Landung. „Fake“ ist im Wrestling einiges, so wie die Geschichte eines beliebigen fiktiven Werks eben auch „fake“ ist. Was aber äußerst wahr und „real“ ist, ist die Belastung, die körperliche Anstrengung, die Anforderungen an Fitness, Akrobatik und Talent.

Okay, okay, „fake“ ist weit gegriffen! Aber was ist denn Wrestling eigentlich?

Was die eigentliche Faszination ausmacht, ist schwer zu beschreiben. Objektiv gesehen ist heutiges, professionelles Wrestling eine körperlich anstrengende Mischung aus Performance-Sport, Method Acting, eine Prise Seifenoper, eine Prise Wahrheit, eine Prise Fiktion, eine Mischung aus Wirklichkeit und der darunterliegenden Geschichte, die man erzählen will.

Eine Kunstform, die im Idealfall zu einer kohärenten Einheit wird, zur unterhaltenden, besonderen, einzigartigen Weise, Geschichten zu erzählen, Charaktere zu entwickeln, Menschen an die Grenzen ihrer Möglichkeiten zu treiben, Menschen zur Emotion zu bewegen. Ein perfekter Wrestling-Kampf erzeugt Reaktionen bei den Zuschauern: Wut, Angst, Furcht, Zuversicht, Terror; starke Emotionen. Es erzählt eine Geschichte von Verrat, Freundschaft, Bruderschaft, Feindschaft, Überlegen- und Unterlegenheit, David vs. Goliath, der dominierende Widersacher, der triumphierende Held.

In seinen Grundzügen besteht eine Wrestling-Show aus den Akteuren, die jeweils einen Charakter einnehmen. Diese Charaktere sind zugegebener Weise selten komplex, aber oft nuanciert, sie folgen zwei konkreten Archetypen: Es gibt den Helden, den Guten der Geschichte, und es gibt den Bösewicht, den Schurken, der Antithese zum strahlenden Helden.
Helden sollen angefeuert werden, der Held soll die Widrigkeiten, die ihm der Bösewicht stellt, überwinden. Bösewichte hingegen sollen gehasst werden, verachtet, man will, dass sie verlieren, dass der Held sie endlich besiegt, sie endlich bezwingt. Die Kombination dieser Akteure wird als „Storyline“, bzw Fehde bezeichnet. Sie überstreckt in der Regel mehrere Shows und versucht, eine mal mehr, mal weniger kohärente Geschichte zu erzählen, den Guten wie den Bösen Motivation zu geben, diese Motivation zu erläutern, Charaktere weiterzuentwickeln und am Ende eine Geschichte zu erzählen.

Für die Helden und die Bösewichte führen wir ab jetzt zwei Begriffe ein, die ihr euch bitte merkt, damit ich sie nicht jedes Mal erklären muss. Es gibt die (Baby) faces , die Guten, und die Heels , die Bösen. Innerhalb einer Karriere kann und MUSS ein Wrestler in der Regel seine Ausrichtung auch einmal ändern, oder auch nur die Rolle, die er verkörpert. Damit der Akteur frisch, interessant und die Geschichten fesselnd und wendungsreich bleiben.
Dieser Wechsel ist ein Heel/Face-Turn und wird in der Regel durch eine entsprechende Aktion untermalt und kommuniziert.
Die Rolle nennt sich „ Gimmick “, sie ist eine Art Charakter-Archetyp, die oft an gute oder böse Ausrichtung gekoppelt ist. So wird ein „arroganter“ Charakter, der denkt besser zu sein als alle anderen, in der Regel nicht der geliebte Held, sondern das verhasste Arschloch sein.

Und es ist genau die Rolle eines Wrestlers, diese Rolle, dieses method acting, bis zur Perfektion zu betreiben. Die besten Heels verweigern sogar Autogramme ihrer größten Fans, nur um die Rolle aufrecht zu erhalten. Sie sagen und tun schlimme Dinge, um den Hass der Fans auf sich zu ziehen. Babyfaces drängen nach Anerkennung der Fans („Pop“), Heels nach der Ablehnung, dem Hass und dem Wunsch der Fans, dass der Oberschurke dann doch mal auf die Schnauze bekommt („Heat“). Von „cheap heat“/“cheap pop“ ist dann die Rede, wenn Faces oder Heels sich „billige“ Buhrufe oder Applaus durch Erwähnung von beliebten Sportteams, der Herabwürdigung der Stadt, Beleidigung der Fans, etc., vor allem in Mikrofonsegmenten (den sogenannten „Promos“) abholen.

„Kayfabe is dead“ – Oder: die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit

Anmerkung: die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit - Ist deutsch nicht einfach eine furchtbar großartige Sprache?

Und ja, heute ist es kein großes Geheimnis mehr, dass diese Rollen, Charaktere, Motivationen und Emotionen oft nicht echt sind. Es geht um die Aufrechterhaltung der Illusion, bzw. die Aufrechterhaltung der Zuschauerschaft, diese Illusion einer fiktiven Welt zu akzeptieren. Im Film und Showgeschäft nennt man dies auch „Suspension of Disbelief“. Wrestling kennt für die Unterscheidung von „realer“ Welt und der Fiktion den Begriff der „ Kayfabe “. Wenn also ein Wrestler auf Twitter innerhalb seines Charakters reagiert, also so, wie die von ihm dargestellte Rolle agieren würde, reden wir von „in Kayfabe agieren“. Es geht also viel mehr darum, glaubhafte Geschichten zu erzählen, obwohl die Menschen wissen, dass diese Geschichten nur Fiktion sind. Die Unternehmen, die Wrestling auf professionellem Level vermarkten (die sogenannten Promotionen) sind für die Entwicklung von glaubhaften Geschichten, sinnvollen Matchkombinationen und Positionierung von Charakteren innerhalb ihres Rosters verantwortlich. Bei dem Aufstellen von Storylines, der Festlegung von Show-Reihenfolgen oder der Entwicklung von Wendepunkten („Angles“) spricht man vom „Booking“, oder im deutschen: Dem „buchen“ einer Show. Dies obliegt in der Regel dem Head Booker der Promotion oder in größeren Firmen wie der WWE einem gesamten Team an Showschreibern, Autoren und beratenden, oft bereits aus dem aktiven Geschäft ausgestiegenen ehemaligen Wrestlern. Sie entscheiden über die Position, an der ein Match innerhalb einer Show auf der sogenannten „Match Card“ (Tatsächlich eine Art Whiteboard, an der jeder hinter der Bühne sehen kann, wann er dran ist) platziert ist. Die Beliebtheit oder das Vertrauen der Firma in einzelne ihrer Akteure kann darüber entscheiden, wo auf der Card man in der Regel platziert wird. Für Wrestler gute Positionen sind die Eröffnung der Show (Opener-Spot) oder der Hauptkampf (Main Event). Die größten Stars der Promotion sind die Main Eventer, sie kämpfen um den Haupttitel bzw. die Haupt-Championship des Unternehmens. Darunter folgen Mid- und Undercard; Midcard sind solide, aber nicht sonderlich überragend populäre Wrestler, in der Undercard befinden sich vor allem Neulinge oder die Wrestler, die nicht das gewisse „etwas“ an Starqualität mit sich bringen. „Main Eventer“ sind die Stars der Show, sie verdienen das größte Gehalt und sind in den prominentesten Storylines involviert.

Im zweiten Teil geht’s um die aktuelle Situation der Wrestling-Welt, vor allem um den größten Platzhirsch auf dem Markt, der World Wrestling Entertainment-Aktiengesellschaft, kurz WWE. Außerdem lernen wir an einem Beispiel kennen, warum Wrestling Geschichten erzählen kann, die sich sogar über mehrere Jahre und Jahrzehnte erstrecken und teilweise sogar übergreifende Handlungen über 30 Jahre und mehr abhandeln kann, wie sonst keine andere Form der Unterhaltung oder Kampfsportform.

6 Like

Cool, ein super Einstand!

Danke :slight_smile: